Die Anfänge der „Gesellschaft für Exilforschung e.V.“

Von Brita Eckert

Wenn die Gesellschaft für Exilforschung ihr Gründungsjubiläum feiern wollte, so ließe sich für die Gründung leicht ein exaktes Datum benennen, nämlich der 25. April 1984. An diesem Tag fand an der Universität Marburg die Gründungsversammlung der Gesellschaft, die die Rechtsform eines eingetragenen Vereins erhalten sollte, statt. Aus dem kurzen Protokoll der Versammlung gehen die Einzelheiten hervor: Anwesend waren sieben Personen - Cordula Frowein, Thomas Koebner, Ernst Loewy, Barbara Lube, Joachim Schmitt-Sasse, Wolfgang Schuchart und Guntram Vogt. Die Tagesordnung bestand aus 2 Punkten, der Beratung und Verabschiedung der Satzung und der Wahl des Vorstands. In einer Stunde waren beide Punkte abgehandelt.

Wie es in § 1 der Satzung heißt, soll der Zweck der Gesellschaft in der „finanziellen und wissenschaftlichen Förderung der Exilforschung, insbesondere der Unterstützung des Jahrbuchs ‚Exilforschung’, des Nachrichtenbriefs der Gesellschaft, eventuell weiterer Buchpublikationen und wissenschaftlicher Veranstaltungen“ bestehen. Auch die enge Zusammenarbeit mit der in den USA begründeten „Society for Exile Studies Inc.“, die die gleichen Ziele verfolge, wird in § 1 erwähnt. In der von der Versammlung beschlossenen Präambel zur Satzung wird die Unterstützung der internationalen Kooperation im Bereich der Exilforschung betont, besonders die verstärkte Zusammenarbeit mit der amerikanischen Exilgesellschaft. - Die Vorstandswahl erfolgte einstimmig: zum Vorsitzenden wurde Ernst Loewy, Frankfurt am Main, gewählt, zum Stellvertretenden Vorsitzenden Thomas Koebner, Universität Marburg, und zur Schatzmeisterin Barbara Lube, Wuppertal. Die Gesellschaft wurde kurz darauf in das Vereinsregister der Stadt Marburg eingetragen und als gemeinnützig anerkannt.

Die Gründung, die scheinbar so unkompliziert verlief, hatte eine lange Vorgeschichte und es scheint, dass die Gesellschaft bereits vor ihrer rechtmäßigen Gründung sogar an einem ersten öffentlichen Auftritt beteiligt war - der Präsentation des ersten Jahrbuchs „Exilforschung“, die am 14. Oktober 1983 in der damaligen Deutschen Bibliothek, der heutigen Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main, stattfand.

Die "Society for Exile Studies, Inc."

Diese frühe Aktivität wird aus der engen Verbindung der Gesellschaft für Exilforschung e.V. mit der amerikanischen „Society for Exile Studies, Inc.“ verständlich, aus der sich die Gesellschaft „hervorgegangen“ sieht, wie es in einem frühen Folder heißt. In den USA hatte eine Gruppe von Germanisten, die sich schon im Dezember 1968 auf Initiative von John M. Spalek und Joseph Strelka zusammenschlossen und bald den Namen „Research Seminar on German Literature in Exile“ führten, auf einer Sitzung am 29. Dezember 1977 während einer Jahrestagung der „Modern Language Association of America“ (MLA) in Chicago die Gründung einer „Society for Exile Literature / Gesellschaft für Exilliteratur“ und die Herausgabe eines Jahrbuchs beschlossen.1 Nach der Verabschiedung der Satzung auf der ersten Geschäftssitzung am 29. Dezember 1978 auf dem Jahreskongress der MLA in New York wurde die Gesellschaft im Mai 1979 in das Vereinsregister des Staates South Carolina, des Sitzes des Schatzmeisters, eingetragen.

John M. Spalek

John M. Spalek im Magazin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Foto von Sylvia Asmus, Deutsche Nationalbibliothek

Zum Präsidenten wurde John M. Spalek, State University of New York, Albany, gewählt, zum Vizepräsidenten Guy Stern, Wayne State University, Detroit, zum Geschäftsführer Wolfgang D. Elfe, University of South Carolina, und zum Herausgeber des Jahrbuchs Wulf Koepke, Texas A & M University. Der Vereinszweck war jedoch von Anfang an nicht auf die Erforschung der Literatur des Exils beschränkt. Wie es z. B. in einem deutschsprachigen Rundschreiben der Society for Exile Literature, Inc., vom April 1981 mit der Bitte um Unterstützung und Mitarbeit heißt, besteht der Zweck der Gesellschaft in der „Förderung internationaler Kommunikation und Kooperation auf dem Gebiet der Exilforschung“.

Die Anfänge des Jahrbuchs

Die Veröffentlichung des Jahrbuchs zog sich jedoch hin. Den amerikanischen Wissenschaftlern war bewusst, dass das Jahrbuch nur mit finanzieller Unterstützung aus der Bundesrepublik zu realisieren sei; deshalb wurde von Anfang an eine enge Zusammenarbeit mit Forschern und Institutionen in der Bundesrepublik angestrebt, wofür Spalek und Strelka auf ihren Deutschlandreisen warben; das Jahrbuch sollte dort erscheinen und ein Mitherausgeber – möglichst ein Historiker – aus der Bundesrepublik kommen. Auf die Einzelheiten der Findung eines geeigneten Herausgebergremiums und eines Verlags kann hier nicht eingegangen werden. Anfang 1981 wurde der Literaturwissenschaftler Thomas Koebner, damals noch Wuppertal, als Mitherausgeber gewonnen, der mit text + kritik, München, einen geeigneten Verlag einbringen konnte; mit Joachim Radkau kam ein mit dem Thema Exilpolitik vertrauter Historiker als weiterer Mitherausgeber hinzu.

1983 schließlich konnte das erste Jahrbuch „Exilforschung“ erscheinen. Es war dem Schwerpunktthema „Stalin und die Intellektuellen“ gewidmet.

Die Vorstellung des ersten Jahrbuchs

Zu der bereits oben erwähnten Präsentation am 14. Oktober 1983, während der Frankfurter Buchmesse in der Deutschen Nationalbibliothek, hatte – wie es im Briefkopf stand - die „Society for Exile Studies, Inc.“ / „Gesellschaft für Exilforschung“ eingeladen, letztere allerdings – juristisch exakt – noch ohne den Zusatz „e.V.“; so bleibt es offen, ob es sich bei dem deutschen Namen lediglich um eine Übersetzung des amerikanischen oder schon um eine deutsche Gesellschaft handeln sollte.

Die Reden auf der gut besuchten öffentlichen Veranstaltung sind in einer Broschüre der Society bzw. der Gesellschaft dokumentiert.2 Werner Berthold, der Leiter des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek und einer der Mitbegründer der Exilforschung in der Bundesrepublik Deutschland, nannte in seiner Begrüßung die Aufgaben, die ein – wie er meinte - reichlich spät erscheinendes Jahrbuch wahrnehmen sollte: es „kann zur Bearbeitung dringender Forschungsdesiderate auffordern, es kann Schwerpunkte setzen und den Anstoß zu offenen Diskussionen, gerade auch kontroversen Thesen, geben“. Auch begrüßte es Berthold, dass ergänzend zum Jahrbuch ein Nachrichtenbrief erscheinen werde, der die 1975 eingestellten Berichte der Stockholmer Koordinationsstelle zur Erforschung der deutschsprachigen Exilliteratur fortsetzen soll. Nach der Vorstellung des Jahrbuchs durch Thomas Koebner sprachen dann zum Thema „Erfahrungen des Exils – Erkenntnisse für heute“ die beiden Emigranten Walter Fabian und Ernst Loewy.

Der erste von Ernst Loewy herausgegebene Nachrichtenbrief erschien bereits im März 1984, gleichfalls noch vor der Gründungsversammlung der Gesellschaft für Exilforschung e.V. in Marburg.

Die erste Jahresversammlung

Für deren Entstehung gab Ernst Loewy auf der ersten Jahresversammlung zwei Gründe an: sie verspreche, die Ziele der Society „in der Bundesrepublik kontinuierlicher zu verfolgen, als es bisher möglich“ war, außerdem vermöge sie aus rechtlichen Gründen – als eingetragener und als gemeinnützig anerkannter Verein – „nachhaltiger um (auch finanzielle) Unterstützung zu werben“.

Auf dieser ersten „Jahreshauptversammlung“, die am 21. März 1985, knapp ein Jahr nach der Gründungsversammlung, gleichfalls im Institut von Thomas Koebner an der Universität Marburg stattfand, bestätigten die etwa 15 Teilnehmer den Gründungsvorstand einstimmig in seinem Amt. Auf dieser Zusammenkunft, die einen noch unkonventionellen Charakter trug, wurde ausführlich über den Stand der Exilforschung in der Bundesrepublik gesprochen, über die Projekte der großen Stiftungen und Forschungsförderungsvereine wie der DFG und der Stiftung Volkswagenwerk sowie die Aktivitäten von Institutionen wie der – damaligen – Deutschen Bibliothek oder der Hamburger Arbeitsstelle für Exilliteratur. Beschlossen wurde auch, dass auf der nächsten Jahresversammlung Mitglieder über ihre Studien und Erfahrungen in kleineren Vorträgen referieren sollten, um so einen Überblick über deren Forschungsschwerpunkte zu gewinnen. Auch wollte sich die Gesellschaft – ein besonderes Anliegen Ernst Loewys - weiterhin um Kontakte zu Exilforschern der DDR bemühen.

Die zweite Jahresversammlung

Die zweite Jahresversammlung, die vom 14. und 15. Februar 1986 am Institut für Neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität Marburg, organisiert von Thomas Koebner, stattfand, hatte schon professionellen Charakter. Es gab eine Tagesordnung, auf der 12 Vorträge von je einer halben Stunde angekündigt wurden, darunter von Wissenschaftlern, die bis heute das Gesicht der Gesellschaft mitprägen, darunter Ernst Fischer („Der ‚Schutzverband deutscher Schriftsteller’ im Exil“), Patrik von zur Mühlen („Exil in Lateinamerika“), Claus-Dieter Krohn („Einige Marginalien über offene Fragen des wissenschaftlichen Exils“) und Helmut G. Asper („Die Affäre Ophüls: Antisemitismus am Burgtheater 1926“). Für eine öffentliche Abendveranstaltung konnte Hans Keilson gewonnen werden, der in seinem Vortrag „Zur Frage des linken Antisemitismus“ sprach und aus eigenen Schriften las. Auf der Mitgliederversammlung, die mit 37 Mitgliedern bereits gut besucht war, konnte der Vorsitzende von der erheblichen Erweiterung der Gesellschaft auf 279 Mitglieder im Jahre 1985 und der erfreulichen Situation des „Nachrichtenbriefs“ und des „Jahrbuchs“ berichten, ebenso von Erfolgen und Schwierigkeiten beim Bemühen, Förderer für den Verein zu gewinnen. Zwei Satzungsänderungen wurden beschlossen: die Einrichtung eines erweiterten Vorstands, der – aus Ermangelung einer Geschäftsstelle - einen Teil der praktischen Arbeit übernehmen sollte, und eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge. – Themen, die noch immer (bzw. wieder) vertraut klingen. Bei den Neuwahlen des Vorstands wurde Ernst Loewy einstimmig in seinem Amt als erster Vorsitzender betätigt; Brita Eckert zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt und Lisette Buchholz zur Schatzmeisterin. In den Beirat wurden Thomas Koebner, Patrik von zur Mühlen, Sigrid Schneider und Elsbeth Wolffheim gewählt.

Die Jahrestagungen 1987 bis 1990

Die auf der 2. Jahresversammlung in Marburg praktizierte Form der Tagungen – neben der vereinsrechtlich vorgeschriebenen Mitgliederversammlung immer auch ein fachlicher Teil und eine Abendveranstaltung – sollte auch die kommenden Jahrestagungen bestimmen, wenn auch beim fachlichen Teil noch verschiedene Modelle erprobt wurden. So sollte auf der dritten Jahresversammlung, die am 13. und 14. Februar 1987 in der – damaligen – Deutschen Bibliothek in Frankfurt stattfand, während einer „Arbeitstagung“ möglichst vielen Mitgliedern Gelegenheit gegeben werden, in Kurzberichten von der Dauer von 10 Minuten über ihre Projekte zu berichten. 17 Mitglieder machten davon Gebrauch, 68 Mitglieder nahmen teil. Auf dieser Tagung, die von Ernst Loewy und Brita Eckert organisiert wurde, wurde auch die Federführung der Redaktion des Jahrbuchs von Thomas Koebner an Klaus-Dieter Krohn abgegeben und damit die Weichen für das Jahrbuch bis heute gestellt. Die Arbeitsberichte und / oder Referate der kommenden Tagungen wurden meist unter einen thematischen Schwerpunkt gestellt. So war die Tagung im darauf folgenden Jahr an der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur der Universität Hamburg (Frithjof Trapp) dem Thema „Exilpublizistik“ gewidmet; am 26. und 27. Februar 1988 berichteten 14 Mitglieder über ihre Vorhaben zu diesem Thema; 87 Mitglieder nahmen teil. Auf der 5. Tagung, die vom Deutschen Institut der Universität Mainz (Erwin Rotermund) im Mainzer Rathaus ausgerichtet wurde, stand eine Kombination von Arbeitsberichten zum Thema „Politische Institutionen und Ideen im Exil“ und einem kleinen Symposium mit 3 Referaten zum Thema „Antifaschistische Satire im Exil“ auf dem Programm. Die nächste Tagung, die vom 16. bis 18. März 1990 von der Friedrich-Ebert-Stiftung (Patrik von zur Mühlen) in der Gustav-Heinemann-Akademie in Freudenberg ausgerichtet wurde, war dem Thema „Folgen und Nachwirkungen des Exils“ gewidmet.

Der erste Vorsitzende Ernst Loewy

Auffallend ist die bedeutende Rolle der Emigranten, als Mitglieder, im Vorsitz, als Vortragende und als Ehrenmitglieder.

Es fällt auch auf, wie stark diese ersten Jahre von Ernst Loewy, dem ersten Vorsitzenden der Gesellschaft und späteren Ehrenvorsitzenden, geprägt wurden. Er war in vielem der Motor, sowohl was die organisatorischen Belange als auch die Forschungsdiskussionen betrifft. Viel beachtet wurde z. B. sein Referat „Zum Paradigmenwechsel in der Exilliteraturforschung“ auf der Tagung in Freudenberg (Jahrbuch Nr. 9).3 Zu den bedeutenden Leistungen der Gesellschaft gehört die Herausgabe des von ihm begründeten und geleiteten fundierten und informationsreichen „Nachrichtenbriefs“. Loewy regte auch die Vergabe von Ehrenmitgliedschaften an Emigranten an, die sich um die Exilforschung verdient gemacht hatten, als erste im Jahre 1987 Hans Mayer und Walter Fabian.

Der kurze Bericht über die Anfänge der Gesellschaft für Exilforschung e.V. hat gezeigt, dass es lohnenswert wäre, ihrer Geschichte intensiver nachzugehen. Die Aktenlage dafür ist günstig, auch viele Zeitzeugen sind noch am Leben. Ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Exilforschung, ihrer Fragestellungen, ihrem Selbstverständnis und ihrer Wirkung in den letzten 25 Jahren – und schon in den Jahren zuvor – wäre zu dokumentieren und zu analysieren. Man sollte nicht zu lange damit warten!

Anmerkungen

  1. Ausführlich hierzu: Claus-Dieter Krohn: John Spalek, Pionier der Exilforschung. In: Preserving the Memory of Exile. Festschrift für John M. Spalek on the Occasion of his 80th Birthday. Hrsg.: Wulf Koepke, Jörg Thunecke. Nottingham 2008, S. 10-26.
  2. Erfahrungen des Exils – Erkenntnisse für heute. Drei Reden von Werner Berthold, Walter Fabian, Ernst Loewy. 17. [vielm. 14.] Oktober 1983, Deutsche Bibliothek. Öffentliche Präsentation von „Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch“. Hrsg. von der Society for Exile Studies, Inc., Gesellschaft für Exilforschung. Marburg 1983.
  3. Ernst Loewy: Zum Paradigmenwechsel in der Exilliteraturforschung. In: Exilforschung. Bd. 9. 1991. Exil und Remigration. München 1991, S. 208-217.